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Warum heißt es eigentlich "Frechdachs"?

Schon vor einer Stunde war die Sonne untergegangen. Gespenstisch schimmerte der Halbmond durch die Zweige der Waldschlucht, als am Fuße eines Felsens unter dichtem Farn ein Schnaufen, Prusten und Grunzen erklang, als hätte sich dort ein Pennbruder eine fürchterliche Erkältung zugezogen.

Doch es war eine Dachsfamilie, die ihren nächtlichen Ausflug antrat: Vater und Mutter, gefolgt von vier tollpatschigen, putzigen Dächslein Kuno, Bruno, Juno und Melitta. Nach der langen Ruhe im engen Bau wollten die Kinder erst einmal spielen. Kuno holte sich einen Steinpilz und legte ihn vor Juno hin. Als diese den Leckerbissen nehmen wollte, schnappte ihn Kuno schnell vor ihrer Nase wieder weg und riss aus. Juno stürmte erzürnt hinterher.

 

Bruno und Melitta witterten sofort etwas Sensationelles und flitzten hinterdrein. Da schlug Kuno, der vorderste, eine enge Kurve und gelangte so hinter Melitta, das Schlusslicht, und wurde dadurch seinerseits zum Verfolger. Auf diese Weise sausten alle vier ständig im Kreis herum. Nach der achten Runde hatte Kuno Melitta eingeholt und zwickte sie mit dem Maul in ihr Hinterteil. Laut fiepte sie auf und warf sich herum, um Rache zu nehmen. Aber gleichzeitig machten auch die anderen drei Kehrt und nun ging das Sausen in umgekehrter Reihenfolge Richtung kreisum, bis wieder einer seinen Vordermann am Allerwertesten erwischt hatte.

 

Wenn jemand an der Richtigkeit der Redewendung "So ein Frechdachs" zweifeln sollte, schaue er sich nur spielende Jungtiere an und er wird den Ausdruck in belustigender Weise treffend finden. Wir wählen diesen Vergleich ja immer dann, wenn ein herzerfrischend nettes Menschenkind eine tolle Spitzbüberei begangen hat. Verzeihendes Verständnis für den Ulk beinhaltet dieses Wort bereits.

 

Doch plötzlich hat Vater Grimmbart genug von der Toberei seiner Kinder und er prustet laut. Das ist das Gefahrenkommando der Dachssprache: Volle Deckung! Sofort liegen alle vier im Heidelbeerkraut platt auf dem Bauch und rühren sich nicht mehr. Im Grunde sind Dachskinder also doch so folgsam, dass sie ihren Eltern aufs Wort gehorchen. Mit einmal setzt sich die kleine Gesellschaft in Schweinsgalopp. Der schönste Teil der Strecke müsste gleich kommen: Von einer Klippe herab führte gut 20 Meter tief eine regelrechte Rutschbahn, auch sie schon blank gewetzt von unzähligen Dachsgenerationen, die hier ihren Spaß gefunden haben. Und dann trottet die Dachsfamilie weiter. Sie gelangen an einen Drahtzaun, der ihnen den Weg versperrt und den der Förster um eine Jungtannenschonung gezogen hatte. Minuten später haben die Dachse 50 Löcher hinein gebissen. Denn im Innern des Zaunes haben sie auf einer Lichtung ein Erdnest eines Wespenstaates entdeckt. Sekunden später wird es ausgegraben. Die ganze Familie verzehrt mit wiederkehrendem Behagen die Brutwaben samt den ihnen vorzüglich mundenden Stachelinsekten, die nachts weder schwärmen noch stechen können. Pech für die Wespen, ein gutes Essen für die Dachse.

 

Text leicht abgeändert entnommen dem Buch von Vitus B. Dröscher "Sie turteln wie die Tauben".