Beitrag von Marianne Hasenmayer
Glas in der Geschichte
Kein zweiter Werkstoff war zu allen Zeiten mit der Geschichte einzelner Reiche und Kulturkreise so verknüpft wie das Glas. Es reflektiert mystische und religiöse Kulte ebenso wie rüde Trinksitten, bodenständiges Bürgertum oder den Glanz der Fürstenhöfe. Glas findet Anwendung in der Kultur, im Alltag, in Technik und Wissenschaft, es finden sich Formen vom Messkelch über den Trinkbecher bis zum Alchimistengerät.
In früherer Zeit war Glas ein gesuchtes Luxusgut, das sich nur der reiche Adel, Kaiser, Könige und Kirchenfürsten leisten konnten. Mit dem Aufblühen der Städte im 15. Jahrhundert und der damit verbundenen Ablösung der ritterlichen durch die bürgerliche Kultur wandelte sich das Glasgefäß zunehmend vom Luxusgut zum Gebrauchsgegenstand. Das Glas wurde damit zum selbstverständlichen Teil des täglichen Lebens.
Glas wurde hauptsächlich in zwei Arten hergestellt: als Flachglas (Fensterglas) und als Hohlglas (z.B. Trinkgefäße, Flaschen und Ziergefäße).
Die Waldglashütten
Die Glaswaren wurden zu einem großen Teil in den Waldgebieten der deutschen Mittelgebirge hergestellt. Dort fanden die Glasmacher Quarz in Form von Sandstein, den wichtigsten Rohstoff für die Glasschmelze, und reichlich Holz zur Pottaschegewinnung und zum Beheizen ihrer Öfen.
Die einfachen Waldglashütten waren auf Abbruch errichtet. Hatte man die genehmigte Holzmenge verbraucht, waren meistens auch die gemauerten Öfen und Schmelzhäfen von der Hitze zerstört. Die Glasmacherfamilien zogen weiter und gründeten neue Hütten. Waren die Holzvorkommen jedoch groß genug, blieben die Hütten standorttreu.
Obwohl die Waldgläser meist Gebrauchsgläser waren, zeichnen sie sich durch eine Vielfalt von Verzierungen aus. Diese wurden aus Glasfäden oder Glastropfen entwickelt. Die Glasfäden waren glatt oder wurden mit einer Zange gekniffen. Aus Glastropfen formte der Glasmacher verschiedene Nuppen, die auf die Gläser aufgesetzt wurden. Da sich die Glasbläser bei der Herstellung durch die Tier- und Pflanzenwelt inspirieren ließen, wurden auch Tierköpfe in Form von Bären oder Stieren gefertigt.
Die Waldglashütten im Schwäbisch-Fränkischen Wald
Das Holz der Wälder war es, das den Menschen den entscheidenden Grund lieferte, sich auf den unfruchtbaren und kühlen Höhenlagen des Schwäbisch-Fränkischen Waldes anzusiedeln. Durch diesen Holzreichtum wurde das unwegsame Gebiet auch für die Herrschenden wirtschaftlich interessant. Das Herzogtum Württemberg, die Grafen von Löwenstein, die Grafen von Hohenlohe und die Schenken von Limpurg dürften es vor allem gewesen sein, die den Aufbau von Glashütten förderten und an den Abgaben der Glaser kräftig mitverdienten.
Um die Hütten entstanden häufig Ortschaften und entwickelten sich zu bäuerlichen Siedlungen; teilweise verschwanden sie aber auch wieder, wenn die Hütte verlegt wurde. Viele heute noch erhaltene Ortschafts- und Flurnamen deuten auch im Schwäbisch-Fränkischen Wald auf die ehemalige Glasindustrie hin: Althütte, Cronhütte, Neufürstenhütte, Glasäcker, Glasofen, Aschenberg).
In den Löwensteiner Bergen und im Mainhardter Wald sind insgesamt 16 Hüttenstandorte nachgewiesen; aus den meisten haben sich noch heute bestehende Ortschaften entwickelt. Die älteste, urkundlich erwähnte Glashütte ist Weihenbronn (1430), gefolgt von Altlautern (1488) und Stangenbach (1505). Die längste Bestandszeit dieser Hütten hatte Neulautern (1530 bis 1822). Als letzte Glashütte beendete Erlach 1865 die Produktion.
Von besonderer Bedeutung war die Spiegelberger Manufaktur, die als einzige Spiegel herstellte. Sie wurde 1705 gegründet und bestand bis 1820.
Auch im Welzheimer Wald waren in dieser Zeit viele Glashütten in Betrieb. In Althütte, Schöllhütte und Fautspach wurde schon vor 1500 geglast. Die bekannteste Hütte in dieser Gegend war Walkersbach. Sie war von ca. 1500 bis 1707 in Betrieb. Weitere Standorte waren z.B. Mettelbach, Steinbach-Klaffenbach und Haghof.
Das Spektrum der in den Glashütten im Schwäbisch-Fränkischen Wald hergestellten Glaswaren, sei es Trinkglas, Spiegel- oder Fensterglas, reichte vom einfachen, grün gefärbten Waldglas über die typischen Butzenscheiben bis zum kunstvoll geschliffenen, gravierten und bemalten Glas.
Untergang der Glashütten
Unter normalen Verhältnissen waren die Glashütten für die Hüttmeister eine Quelle des Wohlstandes und des Reichtums. Durch die vielen Kriege dieser Zeit (wie z.B. den dreißigjährigen Krieg) wurden sie oft um den Lohn ihrer Arbeit gebracht. Immer wieder mussten die zerstörten Glashütten neu aufgebaut werden.
Allmählich machte sich auch Holzmangel bemerkbar. Im 16. und 17. Jahrhundert konnte man ihm noch leicht durch eine Verlegung in einen holzreicheren Bezirk entgehen. Als aber die Holzpreise immer weiter stiegen, war den Glashütten ihre Existenzgrundlage, das billige Holz, entzogen. Als dann auch noch die Konkurrenz durch billigeres Glas aus anderen Ländern hinzukam, war der Untergang der Waldglashütten in unserer Gegend nicht mehr aufzuhalten.
Die Geschichte wird lebendig
Haben Sie Lust auf einen Streifzug durch die Geschichte?
Originale aus dieser Zeit finden Sie im Carl-Schweizer-Museum Murrhardt (www.carl-schweizer-museum.de) und im Glashaus Spiegelberg (www.Glashaus-Spiegelberg.de), Tel. 07194/559). Im Glashaus können auch originalgetreue Nachbildungen vieler historischer Gläser wie z.B. Römer, Krautstrunk, Nuppenbecher oder Passglas besichtigt und erworben werden. Es ist etwas ganz Besonderes, aus Gläsern zu trinken, die in dieser Form schon vor Jahrhunderten auf den Tischen unserer Vorfahren standen!