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Eine alte Mühlengeschichte aus der Türkei

Wenn man sein Lebtag lang an alten Mühlen herumgeschraubt hat, dann weiß man recht gut, dass alle Dinge auf dieser Welt einmal kaputt gehen und ein Ende nehmen.

Dass es einem selbst auch so geht, möchte man nicht so ohne weiteres wahrhaben und verdrängt es so lange wie möglich, bis man eines schönen Morgens beim Aufstehen-Wollen feststellt, dass zu den tausend bisherigen Wehwehchen über Nacht ein weiteres dazu gekommen ist. Man muss zum Doktor, vielleicht sogar ins Krankenhaus - mir ist es auch so ergangen.

 

Ich musste nach Stuttgart ins in Karl-Olga Krankenhaus. Dieses liegt im Osten der Stadt. Dort, in den Stadtteilen Wangen, Gaisburg und Gablenberg, sind sehr viele Türken zu Hause, und deshalb gib es im Karl-Olga-Krankenhaus ebenfalls viele Türken. So kam es, dass ich ganz unversehens zu einem türkischen Zimmer- und Leidensgenossen gekommen bin.

 

Wir beschnupperten einander und stellten fest, dass wir beide ein oder auch zwei Wochen wohl ganz gut miteinander herumbringen könnten. Wir hatten viel Zeit und wussten einander vieles zu erzählen.

 

Eines Abends fragte ich Ismed, ob er keine Geister- oder Mühlengeschichten aus seiner Heimat erzählen könne. Doch, das konnte er. Und er erzählte eine Begebenheit, welche sich vor langer Zeit in seinem Heimatdorf, das ganz weit hinten im Osten der Türkei liegt, zugetragen haben soll:

 

Mehrere Bauern im Dorf betrieben gemeinsam eine Mühle. Eines schönen Tages war der Läuferstein so weit abgemahlen, dass er unbedingt durch einen neuen Stein ersetzt werden musste. Das Dorf lag am Fuß eines großen Berges, und man wusste, dass die oberste Schicht dieses Berges aus einem Gestein bestand, welches für Mühlsteine sehr gut geeignet war. Man machte sich also eines Morgens, mit dem nötigen Werkzeug auf den Weg, um sich einen neuen Mühlstein zu richten.

 

Es klappte alles vorzüglich. Es war ein guter Mahlstein geworden, einschließlich Steinhause und Schluck. Alles war wohlgelungen. Nur die Aussparungen für die Steinhaue sollten noch an Ort und Stelle zugerichtet werden.

 

Nun aber stand man vor einem großen Problem: Wie sollte der Stein den Berg hinunter zur Mühle gebracht werden?

 

Weil absolut keine andere Lösung zu finden war, bot sich zuletzt einer aus der Runde an, den Stein hinunter zu tragen, wenn die anderen ihm diesen über den Kopf stülpten. Aber auch mit mehreren Versuchen schafften es die Männer nicht, den Stein soweit anzuheben, dass der Kollege den Kopf durch das Steinauge stecken konnte. Da versuchten sie es andersherum, nahmen den Mann und stülpten ihn kopfüber in das Steinauge und begannen nun, den Mann mitsamt dem Stein aufzurichten.

 

Fast hätte es geklappt, aber gerade als der Mann waagerecht zu liegen kam und der Stein senkrecht stand, entglitt ihnen die ganze Sache, und Stein mit Mann rollten holterdiepolter den Berg hinunter. Alle rannten hinterher. Als man unten ankam, lag alles beisammen auf dem Platz direkt vor der Mühle - der Stein und der Mann. Wie sie nun aber den Mann aus dem Steinauge zogen, mussten sie feststellen, dass diesem der Kopf fehlte.

 

Wo war bloß der Kopf geblieben? Sie suchten alles ab, aber da war nirgendwo ein Kopf zu finden. Was nun?

 

Da fragte einer: "Ja, hat er denn, als wir oben waren, überhaupt einen Kopf gehabt?" Das konnte nun auch wieder keiner mit letzter Sicherheit beantworten, so genau hatte keiner hingeguckt.

 

"Am besten, wir gehen und fragen seine Frau," meinte da einer von ihnen. "Die müsste doch wissen, ob ihr Mann heute Morgen, als er von zu Hause weg ging, einen Kopf hatte." Jedoch das konnte die Frau auch nicht sagen. Eine türkische Ehefrau hat zu gehorchen und guckt nicht einfach so in der Welt herum. Eines aber konnte sie sagen: Beim Frühstück traute sie sich soweit aufzuschauen, dass sie den Bart ihres Mannes über dem Tisch sah, und der bewegte sich immer hin und her. Ob der Kopf weiter oben auch mit dabei war, das habe sie nicht gesehen.

 

Als wir am anderen Morgen wach waren, sagte Ismed zu mir: "Ich habe heute Nacht schlecht geschlafen, ich musste immer wieder über die Dummheiten lachen, die wir uns gestern Abend erzählt haben":

 

Auf meine Frage, ob der Mühlstein trotzdem zum Einsatz kam und ob der Kopf nicht doch noch gefunden wurde, konnte Ismed mir keine Antwort geben.

 

"Eine alte Mühlengeschichte aus der Türkei" als PDF